Medizin-Telegramm Juli 2020

Reduzierter Vitamin K-Status als ein potenzieller modifizierbarer prognostischer Risikofaktor bei COVID-19

Gerinnungsstörungen und Thromboembolien sind vorherrschend bei schwerer COVID-19 und verbunden mit einer geringeren Überlebensrate. Die Gerinnung ist ein komplexes Gleichgewicht zwischen der Förderung von Blutgerinnseln und auflösenden Prozessen, bei dem Vitamin K eine bekannte Rolle spielt.
Niederländische Wissenschaftler vermuteten, dass der Vitamin K-Status bei Patienten mit schwerer COVID-19 reduziert ist. Sie bestimmten in ihrer Studie den Vitamin K-Status bei 123 COVID-19-Patienten und 184 Kontrollpersonen über eine Messung des uncarboxylierten, inaktiven Matrix Gla-Proteins (dp-ucMGP) sowie die Rate des Elastin-Abbaus über eine Messung von Desmosin. Es zeigte sich, dass der Vitamin K-Status bei den Betroffenen reduziert und mit einer schlechteren Prognose verbunden war. Ein niedriger Vitamin K-Status scheint auch mit einem beschleunigten Elastin-Abbau assoziiert zu sein. Nun ist eine Interventionsstudie notwendig, in der überprüft werden soll, ob die Einnahme von Vitamin K das Ergebnis bei COVID-19-Patienten verbessert.

(Dofferhoff AS, Piscaer I, Schurgers LJ et al.: Reduced vitamin K status as a potentially modifiable prognostic risk factor in COVID-19. Preprints 2020, doi: 10.20944/preprints202004.0457.v1)

Vitamin D und COVID-19

Auch diverse neue, weltweite Arbeiten und Hypothesen, die im April/Mai 2020 veröffentlicht wurden, deuten wieder auf eine Assoziation zwischen suboptimalen Vitamin D-Werten und COVID-19 hin bzw. auf einen möglichen Nutzen von Vitamin D bei dieser Infektion.

(Martín Giménez VM, Inserra F, Tajer CD et al.: Lungs as target of COVID-19 infection: Protective common molecular mechanisms of vitamin D and melatonin as a new potential synergistic treatment. Life Sci. 2020 May 15:117808).

(Annweiler C, Cao Z, Wu Y et al.: Counter-regulatory ‚Renin-Angiotensin‘ System-based candidate drugs to treat COVID-19 diseases in SARS-CoV-2- infected patients. Infect Disord Drug Targets. 2020 May 17. doi: 10.2174/1 871526520666200518073329).

(de Lucena TMC, da Silva Santos AF, de Lima BR et al.: Mechanism of inflammatory response in associated comorbidities in COVID-19. Diabetes Metab Syndr. 2020 May 12;14(4):597-600).

(Kara M, Ekiz T, Ricci V et al.: ‚Scientific Strabismus‘ or two related pandemics: COVID-19 & Vitamin D deficiency. Br J Nutr. 2020 May 12;1-20).

(Hribar CA, Cobbold PH, Church FC: Potential role of vitamin D in the elderly to resist COVID-19 and to slow progression of Parkinson‘s disease. Brain Sci. 2020 May 8;10(5):E284).

(Ilie PC, Stefanescu S, Smith L: The role of vitamin D in the prevention of Coronavirus Disease 2019 infection and mortality. Aging Clinical and Experimental Research (2020) Diseases. Aging Clin Exp Res (2020). https://doi.org/10.1007/s40520-020-01570-8 )

(Raharusuna P, Priambada S, Budiarti C et al.: Patterns of COVID-19 mortality and vitamin D: An Indonesian study. 26.04.2020)

(Laird E, Rhodes JM: Vitamin D and Inflammation: Potential implications for severity of Covid-19. Irish medical Journal. 113(5):81. May 2020)

(Kumar D, Gupta P, Banerjee D: Letter: Does vitamin D have a potential role against COVID-19? Alimentary Pharmacology & Therapeutics. 20. May 2020. DOI: 10.1111/apt.15801)

(Facchiano A, Facchiano A, Bartoli M et al.: Reply to Jakovac: About COVID-19 and vitamin D. 20. May 2020. DOI: 10.1152/ajpendo.00185.2020)

(Mitchell F: Vitamin D and COVID-19: Do deficient risk a poorer outcome? www.thelancet.com/diabetes-endocrinology. Published online May 20, 2020. DOI: 10.1016/S2213-8587(20)30183-2)

(Ebadi M, Montano-Loza AJ: Perspective: Improving vitamin D status in the management of COVID-19. European Journal of Clinical Nutrition. Publ. Online 12. May 2020. DOI: 10.1038/s41430-020-0661-0)

(Silberstein M: Vitamin D: A simpler alternative to Tocilizumab for trial in COVID-19? Med Hypotheses. 2020 Apr 23;140:109767)

(Marik PE, Kory P, Varon J: Does vitamin D status impact mortality from SARS-CoV2 infection? Medicine in Drug Discovery (2020), https://doi.org/ 10.1016/j.medidd.2020.100041)

Italienische und Schweizer Forscher konnten in einer Kohortenstudie mit Patienten aus der Schweiz zeigen, dass PCR-positive SARS-CoV2-Patienten niedrigere 25(OH)D-Werte im Plasma (median 11,1 ng/ml) aufwiesen, als PCR-negative Patienten (24,6 ng/ml). Aufgrund dieser vorläufigen Beobachtung könnte eine Vitamin D-Supplementierung eine nützliche Maßnahme sein, um das Infektionsrisiko zu reduzieren. Randomisierte, kontrollierte Studien und große Bevölkerungsstudien sollten nun durchgeführt werden, um dies zu bestätigen.

(D‘Avolio A, Avataneo V, Manca A et al.: 25-Hydroxyvitamin D concentrations are lower in patients with positive PCR for SARS-CoV-2. Nutrients. 2020 May 9;12(5):E1359)

Selenstatus und oxidativer Stress bei Morbus Crohn

Morbus Crohn ist durch chronische, intestinale Entzündungen gekennzeichnet. Oxidativer Stress ist ein Faktor, der in die Pathogenese der Erkrankung involviert ist und antioxidative Mikronährstoffe wie Selen beeinträchtigen kann.
In einer Studie mit 47 Crohn-Patienten (20 mit aktiver Erkrankung und 27 in Remission) sowie 25 gesunden Kontrollpersonen zeigte sich, dass die Plasma- und Erythrozyten-Selen-Werte sowie die Selenoprotein P-Konzentrationen in der Crohn-Gruppe geringer waren, als in der gesunden Gruppe. Dagegen war u. a. die Aktivität der Glutathionperoxidase in den Erythrozyten der Crohn-Gruppe signifikant höher. Fazit: Patienten mit Morbus Crohn haben einen beeinträchtigten Selenstatus, der mit erhöhtem oxidativem Stress zusammenhängt.

(de Lima Barros SE, da Silva Dias TM, de Moura MSB et al.: Relationship between selenium status and biomarkers of oxidative stress in Crohn disease. Nutrition, 74, 110762. 2020 Feb 12)

Zink beeinflusst kardiometabolische Risikofaktoren günstig

In einer iranischen systematischen Übersichtsarbeit und Meta-Analyse aus 20 randomisierten, kontrollierten Studien mit insgesamt 1141 Teilnehmern wurden die Effekte von Zink auf kardiometabolische Risikofaktoren untersucht. Die Meta-Analyse zeigt, dass eine Zink-Supplementierung die Plasma-Konzentrationen an Triglyceriden, VLDL (very-low-density lipoprotein) und Gesamtcholesterol signifikant senkte. Ebenso nahmen durch Zink die Nüchternblutzucker- und HbA1c-Werte signifikant ab. Zinksupplemente hatten demnach vorteilhafte Effekte auf glykämische Parameter und das Lipidprofil. Daher scheint eine Zinksupplementierung mit einer Verringerung kardiometabolischer Risikofaktoren assoziiert zu sein, die zu einem verminderten Arterioskleroserisiko beitragen.

(Khazdouz M, Djalalinia S, Sarrafi Zadeh S et. al. Effects of zinc supplementation on cardiometabolic risk factors: A systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials. Biol Trace Elem Res. 2020 Jun;195(2):373-398)

Zusammenhang zwischen Geruchsintensität und COVID-19

Für die Erreger von SARS und MERS ist ein Eintritt in das Gehirn experimentell belegt. Er erfolgt über die Riechnerven, über die die Nasenhöhle mit dem Gehirn verbunden ist. Es gibt daher einige COVID-19-Patienten, die über Geschmacks- und Geruchsstörungen klagen. Die sensorischen Störungen treten dabei häufig schon vor Einlieferung in eine Klinik auf. Riech- und Geschmacksstörungen könnten daher bei der Differenzialdiagnose hilfreich sein und gerade bei Personen, die sonst asymptomatisch sind, eine Orientierungshilfe darstellen. Interessanterweise gehören Riechstörungen auch zu den bekannten Folgen einer überstandenen COVID-19-Erkrankung.

(https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/111644/Berichte-ueber-neurologische-Komplikationen-bei-COVID-19, abgerufen am 28.05.2020)
(https://www.aerztezeitung.de/Nachrichten/Sensorische-Stoerungen-bei-SARS-CoV-2-Infektion-haeufig-408273.html, abgerufen am 28.05.2020)
(Iravani B, Arshamian A, Ravia A et al.: Relationship between odor intensity estimates and COVID-19 population prediction in a Swedish sample)

Vitamin B-Defizite und Genominstabilität

Eine Instabilität des Genoms wird schon seit längerem als ein primärer kausaler Faktor mit Krebs und Alterserkrankungen in Verbindung gebracht. Das Genom wird ständig von extrinsischen und intrinsischen schädigenden Substanzen angegriffen. Ein fehlerhafter Einbau von Uracil in die DNA ist ein intrinsischer Faktor, der zu einer Instabilität des Genoms und zu DNA-Mutationen führt. Eine Anhäufung von Uracil in der DNA wird mit megaloblastischer Anämie, Neuralrohrdefekten und retroviraler Immunität assoziiert. Vitamin B-Defizite können einen fehlerhaften Einbau von Uracil in die DNA verursachen, was zur Genominstabilität und damit assoziierten Erkrankungen führen kann.

(Chakraborty J, Stover PJ: Deoxyuracil in DNA in health and disease. Curr Opin Clin Nutr Metab Care. 2020 May 7. DOI: 10.1097/MCO.0000000000000660)