Medizin-Telegramm November 2020

Spermidin und neurologische Erkrankungen

Polyamine, zu denen Spermidin gehört, kommen in allen lebenden Zellen vor. Sie spielen eine zentrale Rolle bei der Regulierung molekularer Signalwege. Diese sind für die Reifung, das Wachstum und die Differenzierung der Zellen verantwortlich. Außerdem können Polyamine den zellulären Reinigungsprozess – die Autophagie – auslösen. Sie könnten so die geistige Gesundheit im Alter unterstützen. Generell sinkt der Gesamt-Polyamingehalt in den Zellen mit steigendem Alter.

Spermidin hat besonders zahlreiche positive Wirkungen. Epidemiologische Humanstudien weisen auf eine reduzierte kardiovaskuläre und krebsbedingte Mortalität durch die Aufnahme von Spermidin hin. Die Substanz hält die mitochondriale Funktion aufrecht, besitzt antiinflammatorische Eigenschaften und verhindert den Alterungsprozess der Stammzellen.

Spermidin gehört zudem zu den sogenannten Kalorienreduktions-Mimetika. Das sind Substanzen, die die Wirkungen des Fastens nachahmen. In getrockneten Sojabohnen ist der Gehalt an Spermidin besonders hoch.

Laut einer aktuellen indischen Forschungsarbeit findet sich im menschlichen Gehirn von allen Polyaminen der höchste Gehalt an Spermidin. Altersbedingte Fluktuationen der Spermidin-Konzentrationen können möglicherweise zu Beeinträchtigungen des neuralen Netzwerkes und der Neurogenese beitragen. Spermidin soll ferner, über die Induktion der Autophagie, die Langlebigkeit fördern.

Exogen zugeführtes Spermidin soll bei der Behandlung von neurologischen Erkrankungen hilfreich sein. Der Substanz werden neuroprotektive Eigenschaften attestiert.

(Ghosh I, Sankhe R, Mudgal J et al.: Spermidine, an autophagy inducer, as a therapeutic strategy in neurological disorders. Neuropeptides. 2020 Oct;83:102083)

Grüntee-Kamille-Extrakt und Darmgesundheit

Sowohl bei Darmpolypen als auch bei Kolonkarzinomen und chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen (CED) kann ein Extrakt aus Grüntee und Kamille als Adjuvans hilfreich sein.

Entsprechende Studien wurden sogar in der aktuellen S3-Leitlinie Kolorektales Karzinom Version 2.1 – Januar 2019 (Abschnitt „Komplementäre und alternative Medizin“) berücksichtigt (https://www.dgvs.de/wp-content/uploads/2019/01/LL_KRK_Langversion_2.1.pdf, abgerufen am 29.09.20), weil die Rate an Adenom- bzw. Karzinomrezidiven in beiden Studien in der Therapiegruppe signifikant geringer war.

(Hoensch HP, Kirch W., Potential role of flavonoids in the prevention of intestinal neoplasia: a review of their mode of action and their clinical perspectives. Int J Gastrointest Cancer 2005;35: 187-195)

(Hoensch H, Groh B, Edler L et al., Prospective cohort comparison of flavonoid treatment in patients with resected colorectal cancer to prevent recurrence. World J Gastroenterol 2008; 14: 2187-2193)

Eine aktuellere Arbeit weist auf die entzündungshemmenden Effekte von Flavonoiden bei CED hin.

Flavonoide sind sekundäre Pflanzenstoffe, die die Aktivität des intestinalen Immunsystems regulieren können. Bei Patienten mit CED besteht eine Überexpression und ein Ungleichgewicht der Komponenten inflammatorischer Immunreaktionen, die chronisch aktiviert sind. Flavonoide wie Apigenin und Epigallocatechingallat haben natürliche immunsuppressive Eigenschaften, die die Stimulierung von Immunzellen und ihrer Hauptakteure (Chemokine, TNF-, Zytokine) inhibieren. Dies wird durch eine Hochregulierung des Ah (Aryl hydrocarbon)-Rezeptors erreicht.

(Hoensch HP, Weigmann B: Regulation of the intestinal immune system by flavonoids and its utility in chronic inflammatory bowel disease. World J Gastroenterol. 2018 Feb 28;24(8):877-881)

Vitamin D im Senium

Ein Vitamin D-Defizit kommt bei geriatrischen Patienten häufig vor. Während es circa 50 Prozent der gesunden älteren Erwachsenen betrifft, erhöht sich die Prävalenz bei geriatrischen Patienten mit einer Hüftfraktur auf über 80 Prozent. Neben der unzureichenden Sonnenintensität von November bis April führt die Hautalterung zu einer vierfach reduzierten hauteigenen Vitamin D-Produktion bei Sonnenexposition. Zahlreiche randomisierte Interventionsstudien ergaben bei 65-jährigen und älteren Erwachsenen mit erhöhten Risiken für einen Vitamin D-Mangel sowie für Stürze bzw. Frakturen, eine signifikante Verringerung von Stürzen und Hüftfrakturen durch die Einnahme von 800 bis 1.000 IE Vitamin D/d, so eine Arbeit aus der Schweiz.

(Bischoff-Ferrari H.A.: Vitamin D beim geriatrischen Patienten. Der Internist. 61,535-540(2020). Publ. 26.05.2020)

Zink und Covid-19

Zink besitzt potente immunregulatorische und antivirale Eigenschaften und wird bei der Behandlung von COVID-19 genutzt. In einer indischen, prospektiven Studie hatten COVID-19-Patienten (n = 47) signifikant niedrige Zinkwerte, verglichen mit gesunden Kontrollpersonen (n = 45) und zwar median 74,5 vs. 105,8 µg/dl. Von den COVID-19-positiven Patienten hatten 27 (57,4 %) ein Zinkdefizit. Diese Probanden entwickelten mehr Komplikationen, häufiger ein akutes Lungenversagen (ARDS: Acute respiratory distress syndrome), erhielten eine Corticosteroid-Therapie, blieben länger im Krankenhaus und hatten eine erhöhte Mortalität.

(Jothimani D, Kailasam E, Danielraj S et al.: COVID-19: Poor outcomes in patients with zinc deficiency. Int J Infect Dis. 2020 Sep 10;S1201-9712(20)30730-X)

Reduktion des CoQ10-Status durch Statine und seine Folgen

Die Verringerung der CoQ10-Werte durch Statine wird nicht nur mit SAMS (statinassoziierten Muskelsymptomen) in Verbindung gebracht, sondern auch mit der peripheren Neuropathie. Eine Open-Label-Querschnitts-Beobachtungsstudie mit 50 Patienten, die Atorvastatin/Rosuvastatin eingenommen hatten und 50 gesunden Kontrollpersonen bestätigt dies.

(Gurha N, Rehan HS, Yadav M et al.: Association of statin induced reduction in serum coenzyme q10 level and conduction deficits in motor and sensory nerves: An observational cross-sectional study. Clin Neuro Neurosurg. 2020 Jun 24;196:106046)

Probiotika und Hypertonie

Laut einer systematischen Übersichtsarbeit und Meta-Analyse führte die Einnahme von Probiotika bei Bluthochdruckpatienten, besonders solchen mit Diabetes mellitus, zu einer Senkung des systolischen und diastolischen Blutdrucks. Der Effekt war mit der Behandlungsdauer, der Dosierung und dem Alter der Probanden assoziiert, aber nicht mit der Verwendung einzelner oder multipler Stämme.

(Chi C, Li C, Wu D et al.: Effects of probiotics on patients with hypertension: A systematic review and meta-analysis. Curr Hypertens Rep, 22 (5), 33, 2020 Mar 21).