Medizin-Telegramm September 2020

Aufgrund der steigenden Anzahl an SARS-CoV-2-Infizierten und einer drohenden 2. Welle sind optimale Mikronährstoffwerte von großer Bedeutung wie aktuelle Forschungsarbeiten zeigen:

Vitamin D
Niedrige Plasma-25(OH)D-Werte: Unabhängiger Risikofaktor für COVID-19-Infektionen und Krankenhausaufenthalte.
In einer israelischen, bevölkerungsbasierten Studie waren 782 (10,1 %) Probanden COVID-19-positiv und 7.025 (89,9 %) COVID-19-negativ. Die durchschnittlichen Plasma-Vitamin D-Spiegel (25(OH)D) waren bei den positiv Getesteten signifikant geringer (19 ng/ml), als bei den Teilnehmern mit negativen Resultaten (20,55 ng/ml). Analysen zeigten eine Assoziation zwischen niedrigen Plasma-25(OH)D-Werten und höheren Wahrscheinlichkeiten für COVID-19-Infektionen und Krankenhausaufenthalte wegen des SARS-CoV-2-Virus.

(Merzon E, Tworowski D, Gorohovski A et al.: Low plasma 25(OH) vitamin D level is associated with increased risk of COVID-19 infection: An israeli population- ased study. FEBS J. 2020 Jul 23. doi: 10.1111/febs.15495)

Niedrige Serum-25(OH)D-Werte sind mit einer schwereren COVID-19-Erkrankung assoziiert
Eine britische, retrospektive Zwischenprüfung von 134 stationären COVID-19-Patienten offenbarte ein stärkeres Vitamin D-Defizit bei Patienten, bei denen die Aufnahme auf einer Intensivstation erforderlich war als bei Betroffenen, die auf normalen Krankenstationen betreut wurden.

(Panagiotou G, Tee SA, Ihsan Y et al. Low serum 25-hydroxyvitamin D (25(OH)D) levels in patients hospitalised with COVID-19 are associated with greater disease severity. Clin Endocrinol (Oxf). 2020 Jul 3. doi: 10.1111/cen.14276)

Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, starkes Übergewicht und Bluthochdruck – mit diesen Grunderkrankungen steigt das Risiko für einen schweren Verlauf, wenn eine COVID-19-Infektion hinzukommt. All diese Erkrankungen weisen eine Gemeinsamkeit auf: Sie gehen häufig mit einem niedrigen Vitamin-D-Spiegel einher. Gleiches gilt auch z. B. für ältere Menschen, die ebenfalls oft einen Vitamin-D-Mangel haben und die zu den Risikogruppen zählen. Auf diesen Zusammenhang weist Prof. Dr. Hans-Konrad Biesalski von der Universität Hohenheim in Stuttgart hin. Der Ernährungsmediziner hat 30 Studien ausgewertet – und ein Vitamin-D-Defizit als möglichen Indikator für den Schweregrad und die Mortalität bei einer Covid-19-Erkrankung identifiziert. Die Vitamin-D-Versorgung könnte auch beim Verlauf der Erkrankung eine Rolle spielen, denn dieses Vitamin reguliert das Immunsystem und Entzündungsprozesse im Körper. Der Experte empfiehlt daher, im Falle einer COVID-19-Erkrankung unbedingt den Vitamin-D-Spiegel im Auge zu behalten.

(Biesalski HK: Vitamin D deficiency and co-morbidities in COVID-19 patients – A fatal relationship? NFS Journal, Volume 20, August 2020, Pages 10-21. https://doi.org/10.1016/j.nfs.2020.06.001 und https://www.uni-hohenheim.de/pressemitteilung?tx_ttnews%5Btt_news-%5D=48816&cHash=5b2128cd37f8895202d502a1e829d560, abgerufen am 29.07.2020).

Selen und Covid-19

Auch Selen ist wichtig für eine ausgewogene Immunantwort. Das Mortalitätsrisiko einer schweren Erkrankung wie Sepsis oder Polytrauma ist invers mit dem Selenstatus verbunden. Deutsche Forscher sammelten fortlaufend Serumproben (n = 166) von COVID-19-Patienten (n = 33) und bestimmten die Gesamt-Selenwerte sowie das Selenoprotein P (SELENOP). Verglichen mit den Referenzwerten einer Europäischen Querschnittsanalyse (EPIC, n = 1.915) zeigten die COVID-19-Erkrankten ausgeprägte Gesamt-Selen- und SELENOP-Defizite. Ein Selenstatus unterhalb der 2,5-ten Perzentile der Referenzpopulation, d. h. Selenwerte < 45,7 μg/L und SELENOP < 2,56 mg/L, lag bei 43,4 % bzw. 39,2 % der COVID-Proben vor. COVID-Patienten, die überlebten, hatten einen signifikant höheren Selenstatus als die, die verstarben. Die SELENOP-Werte erholten sich bei den Überlebenden mit der Zeit, während sie bei denen, die nicht überlebten, gering blieben oder sogar abnahmen. Die Kausalität bleibt jedoch unklar, da es sich um eine Beobachtungsstudie handelt. Dennoch verstärken die Ergebnisse die Ansicht, dass Selen eine relevante Rolle bei der Rekonvaleszenz von COVID besitzt, und sie unterstützen die Diskussion einer adjuvanten Selen-Supplementierung bei schwer erkrankten und Selen-defizitären Patienten.

(Moghaddam A, Heller RA, Sun Q et al. Selenium deficiency is associated with mortality risk from COVID-19. Nutrients 2020.12(7), 2098, publ. 16.07.2020)

Zink und COVID-19

Das Spurenelement wirkt antiinflammatorisch, es kann hilfreich sein, um die Immunfunktion zu optimieren und es reduziert das Infektionsrisiko. Eine Zink-Supplementierung kann daher ebenfalls eine nützliche Strategie sein, um die globale Last einer SARS-CoV-2-Infektion bei Älteren zu verringern.

(de Almeida Brasiel PG: The key role of zinc in elderly immunity: A possible approach in the COVID-19 crisis. Clin Nutr ESPEN. 2020 Aug;38:65-66)

Auch in einer weiteren Arbeit wird die Bedeutung eines optimalen Zinkstatus als Schutz vor viralen Infektionen, wie auch COVID-19, thematisiert.

(Razzaque MS: COVID-19 pandemic: Can maintaining optimal zinc balance enhance host resistance? Tohoku J Exp Med. 2020 Jul;251(3):175-181)

Vitamin K und Typ-2-Diabetes

In einer chinesischen, systematischen Übersichtsarbeit mit 6 Beobachtungsstudien zeigten 5 dieser Studien, dass eine höhere Vitamin K-Zufuhr und höhere Plasma-Vitamin K-Werte mit einem geringeren Typ-2-Diabetes-Risiko assoziiert waren. Von 6 klinischen Interventionsstudien, ergaben 5, dass eine Supplementierung mit Vitamin K1 oder K2 einen positiven Einfluss auf den Insulinstoffwechsel haben könnte. Eine mendelsche Randomisierungsstudie weist darauf hin, dass höhere zirkulierende Vitamin K-Konzentrationen das Risiko für einen Typ-2-Diabetes reduzieren könnten. Fazit: Vitamin K spielt eine wichtige Rolle bei der Prävention und Kontrolle des Typ-2-Diabetes, was mit Verbesserungen des Insulinstoffwechsels und des Blutzuckerspiegels zusammenhängen könnte.

(Cao AL, Lai YW, Chen HG et al. Research progress of relationship between vitamin k and type 2 diabetes. Zhonghua Yu Fang Yi Xue Za Zhi. 2020 May 6;54(5):555-562)

Boswellia serrata und Arthrose

Boswellia serrata werden antiinflammatorische, antiarthrotische und analgetische Eigenschaften zugeschrieben. Laut einer systematischen Übersichtsarbeit und Meta-Analyse aus 7 randomisierten, Placebo-kontrollierten Studien mit insgesamt 545 Arthrose-Patienten kann Boswellia und der Extrakt daraus, die Schmerzen und Steifigkeit lindern sowie die Gelenkfunktion verbessern. Fazit: Boswellia und ein Extrakt daraus können eine
wirksame und sichere Option für Arthrose-Patienten sein. Die empfohlene Dauer der Therapie beträgt mindestens 4 Wochen.

(Yu G, Xiang W, Zhang T et al. Effectiveness of Boswellia and Boswellia extract for osteoarthritis patients: A systematic review and meta-analysis. BMC Complement Med Ther. 2020 Jul 17;20(1):225)

Omega-3-Fettsäuren und Hirnalterung

In einer prospektiven Kohortenstudie wurde untersucht, ob langkettige mehrfach ungesättigte Omega-3-Fettsäure (LCn3PUFAs)-Konzentrationen in Erythrozyten, potenziell neurotoxische Effekte einer Feinstaub-Exposition auf das normal aussehende Hirnvolumen älterer nicht dementer Frauen (n = 1.315), beeinflussen können. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass der Nutzen von LCn3PUFAs auf die Hirnalterung, einen Schutz vor potenziell negativen Auswirkungen der Luftverschmutzung auf das Volumen der weißen Substanz beinhaltet. Teilnehmer mit höherem Erythrozyten-Omega-3-Index hatten signifikant größere Volumina der weißen Substanz und auch des Hippocampus.

(Chen C, Xun P, Kaufman JD et al.: Erythrocyte omega-3-index, ambient fine particle exposure and brain aging. Neurology. First publ. July 15, 2020. DOI: https://doi.org/10.1212/WNL.0000000000010074)